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Zeitungsinterview: Der lustige Umgang mit der Demenz?

Beate Böser aus Waren ist Demenz-Expertin für ganz Deutschland. Von Rostock bis München unterrichtet sie Pflegekräfte und Ärzte. Am Donnerstag kommt die Diplom-Medizin-Pädagogin in die Kinokirche Nossentin, um bei der Komödie „Honig im Kopf“ auch die ernsten Fragen der Besucher zu beantworten. Ob das Thema überhaupt zum Lachen ist, fragte Helga Wagner.

„Von der Schönheit der Verwirrtheit“ haben Sie Ihr Buch genannt. Das reizt zum Widerspruch. Sie betreuen selbst Demenzkranke im „Haus Dieter“ in Waren. Haben Sie denn dort heute schon etwas Schönes erlebt?

Gleich früh am Morgen. Ich kam vom Waldlauf zurück. Da begrüßte mich unser Herr Gerhard, er saß vor dem Haus und freute sich. Er sieht immer nach dem Rechten, jätet Unkraut. ‚Na mein Hausmeisterchen, hast du alles im Griff?!’, habe ich zu ihm gesagt. Da lächelte er und drückte mich. Er ist froh und genießt es, dass er mit den Aufgaben auch Anerkennung hat. „Ich will hier nie wieder weg“, sagt er. Und dann weiß ich, er fühlt sich wohl.

Duzen Sie alle Bewohner?

Nein. Nur wenn sie es gern möchten. Es waren ja alles gestandene Persönlichkeiten in ihrem früheren Leben, Chef sekretärin, Verkäuferin oder Schneiderin oder sie arbeiteten in der Landwirtschaft, besorgten das Vieh, brachten die Ernte mit ein, halfen Traktoren zu reparieren und Häuser zu bauen.

Demenz verändert den Menschen. Das Gedächtnis schwindet. Was bleibt?

Die Gefühle – auch die, nicht ernst genommen zu werden – die bleiben bis zuletzt. Entweder werden die Menschen dann apathisch oder aggressiv. Man muss sie in ihrem zunehmenden Anderssein akzeptieren und mögen. Sie haben doch trotzdem noch eine hohe Lebensqualität und können auch sehr glücklich sein, trotz dieser Erkrankung. Das sagt sich leicht. Die Angehörigen brauchen dafür aber auch professionelle Hilfe.

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Auch im Film spielt der Demente mit seinem Plüschtier. Beate Böser aus Waren ist Demenzexpertin und kommt zum Film „Honig im Kopf“ am Donnerstag in die Kinokirche Nossentin

Sie kommen am Donnerstag in die Kunst- und Kinokirche Nossentin zu einem Film, von Demenz handelt, in dem aber auch viel gelacht werden kann. Ist das schwierige Thema eigentlich zum Lachen?

In dem Film sind etliche Situationen überspitzt dargestellt. Aber trotzdem ist nichts Falsches dabei. Til Schweiger hat es gut hingekriegt. Wir haben auch viele Parallelen zu unseren eigenen Bewohnern dabei gefunden. Zum Beispiel, wie glücklich Amandus, im Film verkörpert von Dieter Hallervorden, mit seinem Plüschtier ist. Eine unserer Bewohnerin liebt einen Stofflöwen und schmust und drückt ihn. Amandus und auch ihr geht es gut in diesen Situationen. Sie sind ausgelassen und glücklich dabei. Ich zeige bei den Weiterbildungen oft das Bild vom Bücherregal. Die Bücher des Lebens mit den Erinnerungen, angefangen mit der Geburt bis in die Gegenwart. Gegen Ende fallen die Bücher um. Die emotionalen Geschichten sind im Gehirn abgespeichert. Bei Demenzkranken gibt es eine Rückbildungstendenz. Zunehmend Erlebnisse von früher sind ihnen gegenwärtig, bis in die Kindheit hinein.

Sie werden wieder Kind?

Nein, nur das Niveau wird in diesen Situationen angenommen. Der Demente kann aufgrund seiner Erkrankung dann nicht mehr anders. Aber man darf ihn trotzdem nicht wie ein Kind behandeln. Man muss auch immer sehen, dass es unterschiedliche Grade der Erkrankung gibt.

Also ist das Thema doch nicht zum Lachen?

Die Krankheit nicht und auch der Kranke darf nicht ausgelacht oder veralbert werden. Aber mit ihm lachen, das ist nicht verboten. Es gehört sogar zum richtigen Umgang mit ihm, was ihm Lebensqualität verschaffen kann.

Welches Problem hat Sie länger beschäftigt?

Dass die Gesellschaft immer noch nicht aufgeklärt ist. Manche Angehörige denken oft, der Kranke macht es mit Absicht. Im Film gibt es diese Szene, wo Amandus die Hecke schneidet. Er sollte sie zehn Zentimeter schneiden. Er hat es akribisch gemacht. Aber nicht um zehn Zentimeter gekürzt, sondern zehn Zentimeter stehen lassen. Er hat es gut gemeint, die anderen aber rasten aus, beschimpfen ihn, obwohl er nichts dafür kann…

Und das Publikum lacht…

Ja, aber es bleibt ja nicht dabei. Die Enkelin holt sich im Film Rat beim Arzt und der sagt, dass der Opa Verständnis, Liebe, Zuwendung braucht. Wenn sie das kriegen, werden die Kranken viel entspannter. Das sehen wir ja täglich in unserer Einrichtung. Nichts ist schlimmer für die Kranken, als wenn sie stets getadelt, gemaßregelt oder korrigiert werden: „Was hast du da wieder angestellt? Schmatz nicht so laut! Klecker nicht. Wie siehst du schon wieder aus, kämm dich mal… Stellen Sie sich das mal vor, es begleitet sie jemand und greift stets korrigierend ein, egal was sie machen, von früh bis spät… Das ginge ja schon Gesunden auf den Keks. Kein Demenzkranker handelt doch so mit Absicht.

Aber wie soll man es machen? Sie einfach lassen?

Nein, aber nicht tadelnd, sondern galant mit ihnen umgehen, eingreifen, ohne dass es der Kranke merkt.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein Herr hat sich die Jacke verkehrt herum angezogen. Beim Händewaschen habe ich ihn dann die Jacke ablegen lassen und darauf geachtet, dass er sie richtig herum anzieht. Aus unserer Realität sieht manches komisch oder auch schockierend aus.

Wie Amandus im Film in den Kühlschrank pinkelt…

Ja. Aber er weiß es ja nicht mehr, dass es der Kühlschrank ist. Was ich an dem Film schätze – es wird das ganze Gefühlskarussell dargestellt. Man kann lachen und auch weinen.

Was hat Sie denn zu Tränen gerührt?

Als Amandus, der Vater, zum Sohn sagt: „Ich liebe dich!“ und der Sohn antwortet: „Ja, Papa, das hast du aber nie gesagt…“ Jetzt aber kann er es: Bei einer Demenz ist die Hemmschwelle weg.

Sie sagten, man darf nicht über die Menschen lachen, aber mit ihnen…

Wir haben in unserer Einrichtung viel Spaß, wenn wir tanzen, singen oder Witze erzählen. Ein Beispiel: Ein Bewohner kratzte sich und die anderen fragten: Haben Sie etwa einen Floh? und er sagte: „Ja, er ist mit dem Frühbus gekommen.“

Das klingt alles gut. Aber Demenzkranke gut zu betreuen, braucht nicht nur Wissen um die Krankheit, sondern viel Empathie und Sensibilität. Auf alle Fälle ist es kein leichter Beruf. Haben Sie es nicht auch mal satt?

Es gibt Tage, wo man durchatmen muss. Auf meinen Sport, das Laufen, möchte ich da nicht verzichten. Aber ich bin stolz auf unser Konzept, das wir uns – mein Mann Detlef und unser Freund Tobias Briehn – erarbeitet haben, und dass wir den Mut hatten, es umzusetzen: Betreutes Wohnen kombiniert mit Tagespflege. In unserem „Haus Dieter“ gibt es das, und es funktioniert blendend.

Braucht es dazu nicht auch eine innere Disposition?

Vielleicht. Ich habe meine Oma schon gepflegt. Da war ich zehn. Die habe ich sehr geliebt, sie war immer für mich da. Und auch meinen Vater, der früh an Krebs gestorben ist. Er hat mich zum Beruf ermutigt und selbst schon todkrank, noch mit allen Kräften unterstützt.

Gibt es etwas in Ihrem Metier, worüber Sie sich ärgern?

Wenn es Filme über Demenz gibt, wo die Betroffenen veralbert werden. Und das noch als Therapie ausgegeben wird. Oder es gibt getürkte Bushaltestellen in manchen Einrichtungen, dann sitzen die Menschen dort auf der Bank und weinen, weil der Bus nicht kommt. Und es gibt solche Wagen, da sitzen die Unglücklichen drin und draußen läuft ein Film ab, so als ob sie fahren. Nach Hause. Wenn jemand nach Hause will, muss ich ihm den Druck wegnehmen. Ich darf ihn dabei aber nicht betrügen, aber auch nicht sagen, das alte Zuhause gibt es nicht mehr. Nichts versprechen, was man nicht halten kann. Ihnen aber vermitteln: Es ist jemand da, der sie versteht. Und sie in ihrer eigenen Welt glücklich sein lassen, sie nicht herausreißen. Wir müssen lernen zu verstehen.

Das Zeitungsinterview kann hier als PDF heruntergeladen werden:
Nordkurier-Beitrag vom 24.05.2015